Nationalfeiertag: Bürgermeister wirbt für Zusammenhalt

Clipboard_07-21-2026_01

In seiner Ansprache zum 21. Juli 2026 nimmt Bürgermeister Daniel Hilligsmann den belgischen Nationalfeiertag zum Anlass, über den Zusammenhalt der belgischen Nation nachzudenken.

Belgien werde nicht durch eine gemeinsame Sprache oder Kultur geeint, sondern durch gemeinsame Werte wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Solidarität und die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Die Geschichte von Neutral-Moresnet und Kelmis stehe dabei als Symbol für ein erfolgreiches Zusammenleben in Vielfalt und zeige, dass Gemeinschaft dort entsteht, wo Vertrauen wächst und das Verbindende wichtiger ist als das Trennende.

Angesichts von Polarisierung, internationalen Krisen und finanziellen Herausforderungen ruft der Bürgermeister zu Geschlossenheit, Dialog und einer gemeinsamen Stimme für die deutschsprachigen Gemeinden auf.

Gleichzeitig betont der Bürgermeister, dass der Staat trotz knapper Mittel verlässliche Dienstleistungen sichern und Vertrauen in Demokratie und Institutionen bewahren müsse.

Abschließend würdigt D. Hilligsmann das Engagement der Vereine und Ehrenamtlichen als Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts und appelliert, Brücken zu bauen, Vielfalt als Stärke zu begreifen und kommenden Generationen ein friedliches, lebenswertes Belgien zu hinterlassen.

 

Rede des Bürgermeisters

 

Werte Ehrengäste,

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Der 21. Juli erinnert uns an die Geburtsstunde unseres Königreichs.

Er erinnert uns an unsere Verfassung,

unsere demokratischen Institutionen und an all das,

was unser Land in beinahe zwei Jahrhunderten geprägt hat.

 

Vor allem aber lädt der Nationalfeiertag dazu ein,

sich eine einfache und zugleich schwierige Frage zu stellen:

 

Was verbindet uns eigentlich als Nation?

 

Auf diese Frage bin ich beim letztjährigen Nationalfeiertag eingegangen.

Die Antwort bleibt in etwa dieselbe.

 

Ce qui nous définit en tant que belges,

c’est peut-être cette volonté commune, dès 1830,

de s’engager dans une voie partagée,

malgré nos différences présumées;

 

Cette faculté, quand on le veut, de voir sur ce qui nous lie

plutôt que ce qui nous sépare

et d’assumer ensemble des responsabilités communes sur notre territoire.

 

Nous ne partageons pas tous des caractéristiques uniformes :

Une même langue ou une même culture.

Certes.

 

Mais à travers notre diversité,

nous continuons de partager, notamment, certaines valeurs fondamentales;

La liberté,

la démocratie,

l’État de droit,

la solidarité

et la volonté d’œuvrer ensemble dans l’intérêt général.

 

La Belgique prouve chaque jour que l’unité ne doit pas signifier l’uniformité.

 

Notre pays est complexe

et parfois trop compliqué.

 

Nos institutions doivent sans aucun doute être simplifiées,

et notre administration publique gagner en efficacité.

 

Pourtant, c’est peut-être précisément dans ce vivre-ensemble créatif

et dans le fameux compromis à la belge,

que réside une force importante.

La Belgique démontre que la diversité ne doit pas nécessairement diviser,

mais qu’elle peut aussi unir –

à condition d’identifier des valeurs et enjeux communs

et de favoriser une coexistence équilibrée, dans laquelle chacun trouve sa place.

 

Meine Damen und Herren,

 

In Belgien gibt es einen Ort,

an dem ebendiese Erfahrung seit Generationen

wie selbstverständlich gelebt wird,

nämlich die Gemeinde Kelmis.

 

Unsere Gemeinde trägt eine Geschichte in sich,

die weit über ihre Grenzen hinaus einzigartig ist.

 

Neutral-Moresnet würde in diesem Jahr 210 Jahre alt.

Dieses Jubiläum werden wir im Herbst angemessen würdigen.

Tatsächlich war unsere Neutralitätszeit mehr als ein historischer Unfall.

Sie war ein europäisches Labor,

lange bevor jemand das Wort Europa im heutigen Sinne verwendet hätte.

 

Menschen unterschiedlicher Herkunft,

verschiedener Sprachen und unterschiedlicher kultureller Prägung

lebten hier über Generationen hinweg miteinander.

 

Nicht, weil sie alle dieselbe Nationalität oder Geschichte gehabt hätten,

sondern weil sie sich aus unterschiedlichsten Motiven

für ein Miteinander entschieden

und so peu à peu eine gemeinsame Perspektive entwickelt haben.

 

Vielleicht liegt genau darin eine Kernbotschaft unserer Geschichte.

 

Neutral-Moresnet lehrt uns,

dass man kann mehrere Sprachen sprechen kann,

verschiedene kulturelle Wurzeln haben,

unterschiedliche Erwartungen mitbringen

und dennoch einen selben Ort seine Heimat nennen.

 

Vor allem aber zeigt uns unsere Geschichte,

dass politische Konstruktionen allein

noch keine Gemeinschaft schaffen.

 

Gemeinschaft entsteht nämlich erst dort,

wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen,

wo Vertrauen wächst,

wo Unterschiede akzeptiert

und wo das Gemeinsame wichtiger wird als das Trennende.

 

Gerade heute,

in einer Zeit wachsender Polarisierung,

gewinnt diese Erfahrung neue Aktualität.

 

Wir erleben weltweit,

wie nationale Interessen gegeneinander ausgespielt werden,

wie Grenzen wieder wichtiger erscheinen als Brücken,

wie einfache Antworten oft lauter sind

als plausible komplexere Lösungsansätze.

 

Die Geschichte von Neutral-Moresnet beweist, dass es auch anders geht.

Sie erinnert uns daran, dass Zusammenleben in Vielfalt keine Schwäche ist,

sondern einzigartige Perspektiven schafft,

und einen pragmatischen und oft kreativen Weg in die Zukunft.

 

Unsere Geschichte verpflichtet uns, Brückenbauer zu bleiben –

hier in unserer Gemeinde, in Ostbelgien, Belgien und Europa.

 

Meine Damen und Herren,

 

wir Ostbelgierinnen und Ostbelgier kennen die Herausforderung,

unsere Stimme hörbar zu machen.

 

Mit unseren neun Gemeinden sind wir eine sehr kleine Minderheit

im an sich schon kleinen Belgien.

 

Aber gerade deshalb dürfen wir uns nicht kleiner machen, als wir sind.

Unsere Sprache, unsere Kultur,

unsere Autonomie, unsere Identität:

Sie verdienen Gehör.

 

Dieses Gehör werden wir jedoch nur dann finden,

wenn wir mit einer gemeinsamen Stimme sprechen.

 

Natürlich hat jede Gemeinde ihre eigenen Herausforderungen.

Kelmis ist nicht Büllingen.

Raeren ist nicht St. Vith.

Eupen ist nicht Amel.

 

Und doch verbindet uns weit mehr, als uns trennt.

 

König Philippe ruft in seiner Rede zum Nationalfeiertag dazu auf, von dem auszugehen, was uns vereint, statt von dem, was uns spaltet.

 

Diesem Aufruf folge ich entschlossen.

 

Wenn wir geschlossen auftreten,

gemeinsame Ziele anvisieren,

und mit einer Stimme sprechen,

dann erhöhen wir deutlich unsere Chancen,

als Partner ernstgenommen zu werden.

 

Nicht, weil wir laut sind.

Sondern weil wir gemeinsam sprechen.

 

Liebe Gäste,

 

Verantwortung zu tragen bedeutet auch,

ehrlich und offen mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen.

 

Unsere öffentlichen Haushalte stehen unter massivem Druck.

Das sollten wir nicht schönreden.

 

Auf allen politischen Ebenen muss gespart werden.

Auch die Gemeinden – und auch Kelmis – bleiben davon nicht verschont.

Gerade deshalb stellt sich heute die Frage:

Was dürfen Bürgerinnen und Bürger noch von ihren öffentlichen Behörden erwarten?

 

Ich glaube:

Sie dürfen und sie sollten vom Staat erwarten,

dass er auch mit begrenzten Mitteln

zuverlässige und bedarfsgerechte Dienstleistungen erbringt,

dass er sich weiterentwickelt,

dort wo nötig effizienter wird und priorisiert

und den Bedarfen seiner Zeit Rechnung trägt.

 

Wir sollten nicht davon ausgehen,

dass alles so bleibt,

wie es ist.

 

Wir dürfen jedoch erwarten,

dass Kinder weiterhin eine gute Schulbildung erhalten,

dass ältere Menschen würdevoll begleitet werden,

dass die öffentliche Sicherheit gewährleistet bleibt,

dass Straßen und öffentliche Infrastrukturen instandgehalten werden,

dass Haushalte mit Trinkwasser versorgt werden,

dass Verwaltungen bürgerfreundlich arbeiten,

und einiges mehr.

 

Zu den wesentlichen Aufgaben des Staates gehört es,

durch hochwertige und gleichzeitig effiziente Dienstleistungen

wesentliche Grundbedarfe abzudecken

und Vertrauen zu schaffen:

Vertrauen in die Demokratie, ihre Institutionen und ihre öffentlichen Einrichtungen.

 

Denn wenn Vertrauen verloren geht,

verliert auch Demokratie ihre Kraft.

 

Dieses Vertrauen müssen wir uns daher täglich neu verdienen,

auch hier in Kelmis.

 

Sicher ist zugleich,

dass diese Übung nur gelingen kann,

wenn alle politischen Ebenen und somit auch die Gemeinden dazu in der Lage bleiben,

ihre jeweiligen Herausforderungen zu meistern.

 

Zwar müssen auch wir Dienstleistungen und Angebote kritisch prüfen

und neue Synergien anstoßen.

Daran führt kein Weg vorbei.

 

Wenn übergeordnete Behörden jedoch ihre Finanzprobleme an untergeordnete Behörden weiterreichen,

wird dies das Problem sicher nicht lösen.

 

Es wird das Problem höchstens verlagern

und damit wieder neue Probleme verursachen.

 

Das kann nicht die Lösung sein.

 

Meine Damen und Herren,

 

während wir heute feiern, dürfen wir nicht vergessen,

dass Frieden und Wohlstand keine Selbstverständlichkeit sind.

 

Der Krieg in der Ukraine dauert an.

Auch die Spannungen im Nahen Osten zeigen,

wie zerbrechlich internationale Stabilität geworden ist.

 

Der globale Klimawandel schreitet weiter voran

und führt allerorts zu Extremwetterereignissen

wie Starkregen oder Hitzewellen.

 

Vielleicht fragt sich der ein oder andere immer noch:

Was hat das mit mir zu tun?

 

Die Antwort lautet:

Mehr, als uns lieb ist.

Krisen kennen heute keine Grenzen mehr.

Sie beeinflussen unsere Wirtschaft,

unsere Energieversorgung,

den Strompreis,

unsere öffentlichen Haushalte,

unsere Sicherheit.

 

Und sie erinnern uns daran,

welch großes Privileg es ist,

in Frieden, in Freiheit und unter hochwertigen Lebensbedingungen leben zu dürfen.

 

Vielleicht wissen wir den Frieden oftmals erst dann wirklich zu schätzen,

wenn wir sehen, wie schnell er anderswo verloren gehen kann.

 

Wir dürfen deshalb niemals müde werden,

unsere Demokratie und unsere europäischen Werte zu verteidigen.

 

Nicht aus Angst,

sondern mit Zuversicht.

Im Dialog

und im engen Schulterschluss.

 

Leev Jääs,

 

of ijene Sport, ijen Kultur

of i all ander Lävensbereiche :

ene unschätzbare Wäet vöhr der Tesamehoht in os Jemingde

hant os Ijreamtleche änn os Vereine.

 

Sej brenge Minsche tesame.

Sej schaffe Hemmet,

Sej vermeddele Verantwortung,

Sej verbenge Generatiuene

Sej liere Fairness, Engagement änn Tesamehoht.

 

Kött jesaht :

Sej mahke ut en Jemingde

En Jemingschaft.

 

Alle Ijrenamtleche,

alle Trainere, Musiker,

Betröjer, Vorstandsmieglieder änn Onderstötzer

Well ech deshalb va Hatte merci sahre.

Üere Äsatz es onbezahlbar.

 

Ene janz besondeje Dank

jeht och des Johr werem no’ne Wärme Schwärm –

dovöhr, dat dähr at werem tatkräftech de Logistik van dese Nationalvierdahr bewältescht,

leider vöhr de letzte Kier,

wat ech hiel beduer.

 

Vöhr üer‘ langjöhresch Engagement ijene Kelemeser Karneval änn et Kelemeser Dörepsläve

Verdennt dähr ene decke MERCI.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

am Ende möchte ich zu der Frage zurückkehren, mit der ich begonnen habe:

Was verbindet uns als Nation?

 

Wir Belgierinnen und Belgier sprechen kein belgisch,

wir haben unterschiedliche Kulturen

und jeweils einzigartige geschichtliche Hintergründe.

 

Womöglich definiert sich unsere Nation daher vor allem

als die Summe unzähliger kleiner Gemeinschaften,

von Familien,

Nachbarschaften,

von Vereinen,

Gemeinden

und von Fans der Nationalmannschaft –

auch wenn wir Spanien nicht besiegt haben.

 

Fest steht:

Wo Menschen Gemeinsamkeiten pflegen

und Verantwortung füreinander übernehmen,

entsteht Vertrauen.

 

Wo Vertrauen wächst,

entsteht Gemeinschaft.

 

Anders gesagt:

Es ist an uns, zu entscheiden, was und wieviel uns in Belgien als Nation verbinden soll.

 

Belgien beginnt nicht erst in der Rue de la Loi in Brüssel.

Belgien beginnt in Kelmis, in Neu-Moresnet und in Hergenrath,

auf unseren Straßen,

in unseren Schulen,

unseren Vereinen,

in den vielen kleinen Gesten des täglichen Miteinanders.

 

Darauf sollten wir stolz sein.

 

Unsere besondere Kelmiser Geschichte ist in diesem Sinne nicht nur bewahrenswert,

sie ist ein Auftrag:

Ein Auftrag, Brücken zu bauen,

Zusammenhalt zu stärken

und unseren Kindern ein Land zu hinterlassen,

das ebenso vielfältig wie lebenswert ist.

 

Ich wünsche ich Ihnen allen einen schönen 21. Juli.

 

Es lebe Belgien.

Vive la Belgique.

Leve België.

 

Vöhlmohls merci.